Benötigt man heutzutage eigentlich noch einen Verlaufsfilter? Wie und warum man einen “echten” Grauverlaufsfilter einsetzt möchte ich in diesem Artikel erläutern.

An einem Wochenende habe ich eine kleine Fototour nach Kinderdijk in den Niederlanden unternommen um dort die bekannten Windmühlen zu fotografieren. Bei der Gelegenheit wollte ich gleich noch einige Testbilder für diesen Artikel hier machen um den Effekt von Verlaufsfiltern zeigen zu können. Eigentlich wollte ich Bilder bei Sonnenaufgang machen, der Wetterbericht sah allerdings für den nächsten Tag gar nicht gut aus. Also bin ich bereits am Vorabend vom Hotel aus nach Kinderdijk gefahren und konnte noch einige Bilder kurz vor Sonnenuntergang machen, bevor dann der Regen kam.

Wozu nutzt man Verlaufsfilter?

Verlaufsfilter sind in der oberen Hälfte grau eingefärbt, in der unteren Hälfte sind sie einfach durchsichtig. Der Übergang dazwischen ist je nach Filter entweder sehr weich oder auch recht hart – je nach Situation kann der eine oder andere Filter sinnvoll sein. Ich benötige in den allermeisten Fällen eher einen weichen Übergang und nutze daher einen “soft edge” Graufverlaufs-Filter (Haida Pro II MC Optical 150 mm x 100 mm GND Soft Edge Verlaufsfilter 0,9 /8x – Erhältlich z.B. bei Amazon).
Es gibt nicht nur Filter mit einem grauen Farbverlauf, sondern auch Filter mit verschiedenen Farben. Da man Farbverläufe aber sehr einfach in der Nachbearbeitung realisieren kann, werden heute solche Filter eigentlich nicht mehr genutzt – zu Zeiten der analogen Fotografie war dies natürlich anders.

Grauverlaufsfilter nutzt man um starke Helligkeitsunterschiede im Bild auszugleichen – also in der Regel um einen sehr hellen Himmel abzudunkeln und dabei gleichzeitig den meistens dunkleren Vordergrund nicht noch dunkler zu machen. Starke Helligkeitsunterschiede kann eine Kamera viel schlechter Abbilden als das menschliche Auge (man spricht hier vom Dynamikumfang), also muss man manchmal zu einem Hilfsmittel greifen um sowohl den dunklen Vordergrund als auch den hellen Himmel gleichzeitig korrekt in der Kamera belichten zu können.

Alternative zu echten Filtern: Nachbearbeitung?

Wenn man keine Verlaufsfilter nutzen möchte, kann man natürlich alternativ zwei (oder mehr) Bilder nacheinander machen: Dazu belichtet man in einem Bild den Himmel korrekt, im anderen Bild dann den Vordergrund. Später fügt man dann diese Bilder in der Nachbearbeitung dann zu einem Bild zusammen. Die Nachteile dieser Methode sind aber auf der einen Seite der höhere Aufwand in der Bearbeitung, auf der anderen Seite können Veränderungen im Bild zwischen den beiden Aufnahmen für Probleme beim Zusammenfügen der beiden Bilder sorgen – gerade bei Langzeitbelichtungen. Anstatt zwei Bilder zu machen und diese später zusammenzufügen, kann man natürlich auch das Bild zum Beispiel in Lightroom Nachbearbeiten und dort den Himmel abdunkeln und den Vordergrund aufhellen – das klappt aber nur, wenn die Helligkeitsunterschiede nicht zu stark sind. Ich versuche daher immer gleich das Bild möglichst so hinzubekommen, dass nur noch wenig Aufwand in der Nachbearbeitung notwendig ist.

Um den Effekt eines Verlaufsfilters besser zeigen zu können, habe ich bei den folgenden drei Bildern den Filter halb vor das Objektiv gehalten. Die linke Hälfte des Bildes wurde also mit Verlaufsfilter gemacht, die rechte Seite ohne den Filter.

Bei allen Bildern habe ich an diesem Abend in Kinderdijk zudem einen Graufilter (64x / ND 1.8) benutzt um die Belichtungszeit deutlich zu verlängern, damit die Wasseroberfläche “glatt” wird und das Ziehen der Wolken sichtbar wird. Um die Reflexionen auf der Wasseroberfläche etwas zu entfernen, habe ich zudem einen Polarisationsfilter genutzt. Insgesamt kam ich so auf eine Belichtungszeit von über 3 Minuten bei Blende f/11 und ISO 100.

Das erste Bild ist komplett unbearbeitet und wurde direkt aus Lightroom als JPG exportiert. Das Bild ist zu dunkel, was ich dann in Lightroom für das zweite Bild korrigiert habe. Hier ist schon erkennbar, das der Himmel rechts im Bild (ohne Verlaufsfilter) nun etwas zu hell ist, während im linken Bereich des Bildes (mit Verlaufsfilter) noch etwas Wolken/Struktur/Farbe im Himmel erkennbar ist. Im dritten Bild habe ich in Lightroom durch den (digitalen) Verlaufsfilter den Himmel zusätzlich abgedunkelt und einen leichten Vignetten-Effekt hinzugefügt, um den Blick des Betrachters etwas mehr in das Bildzentrum zu führen. Man sieht in diesem Bild also auf der linken Seite die Abdunklung durch den echten Filter zusammen mit dem Verlaufsfilter aus Lightroom und auf der rechten Seite nur den Effekt in Lightroom. Der Unterschied zwischen der linken Bildhälfte (mit Filter bei der Aufnahme) und ohne Filter ist nun sehr deutlich sichtbar.

Das Bild ist als Beispiel nicht ganz ideal, da der Kontrast zwischen dem hellen Himmel und dem dunklen Vordergrund zwar deutlich ist, bei aktuellen Kameras dies aber recht gut in der Nachbearbeitung noch korrigiert werden kann. Wäre der Himmel noch heller, würde man auch mit dem (digitalen) Verlaufsfilter in Lightroom eine Überbelichtung im Himmel gar nicht oder nur sehr schwierig retten können – die Bildinformationen eines komplett überbelichteten Himmels lassen sich nicht per Software nachträglich rekonstruieren. Ein Verlaufsfilter sorgt bei schwierigen Lichtverhältnissen vor allem dafür, dass man mehr “Reserve” im Bild für die Nachbearbeitung hat.

Neben einem Verlaufsfilter ist auch ein Polarisationsfilter (“Polfilter”) und ein Graufilter nicht oder nur mit Aufwand durch eine Nachbearbeitung am Computer zu ersetzen. Der Effekt des Polfilters (Reflexionen/Spiegelungen im Bild minimieren) kann nicht digital simuliert werden, da die entsprechenden Bildinformationen im Bild einfach fehlen.
Dasselbe gilt auch für einen “normalen” Graufilter, der durch seine Tönung die Belichtungszeit insgesamt verlängert, was dann zu den Effekten führt, die im Bild unten gut zu erkennen sind:
Die Bewegung der Wolken am Himmel wird sichtbar und die Wasseroberfläche wird ganz “glatt” dargestellt. Besonders gut lassen sich so auch Wasserfälle fotografieren.

 

Fertiges Bild - Windmühlen in Kinderdijk (Pol- und Verlaufsfilter)
Windmühlen in Kinderdijk (3 Filter: Polfilter, Verlaufsfilter, Graufilter + Nachbearbeitung)

Welche Filterarten gibt es?

Es sind verschiedene Filtertypen erhältlich. Man unterscheidet grundsätzlich zwischen Schraubfiltern und Einschubfiltern / Einsteckfiltern.

  • Schraubfilter
    Diese runden Filter besitzen ein Gewinde und können so einfach vorne in das Objektiv geschraubt werden. Es gibt die gängigen Filtertypen (Graufilter, Polfilter, Verlaufsfilter) als Schraubfilter von verschiedenen Herstellern – von einfach bis sehr hochwertig. Die Vorteile sind hier, dass man keine zusätzliche Halterung benötigt und die Filter i.d.R. günstiger sind als die großen Einschubfilter. Ein Nachteil ist jedoch, dass man für jedes Objektiv u.U. eine andere Filtergröße benötigt, da die Objektivdurchmesser oft unterschiedlich groß sind. Ein weiterer Nachteil ist, dass man den Horizont (also den Übergang vom abgedunkelten Teil des Filters zum Neutralen) in einem Verlaufsfilter zum Einschrauben nicht nach oben oder unten verschieben kann. Der Horizont ist somit immer mittig, was nicht unbedingt in jeder Situation so gewollt ist.
  • Einschubfilter
    Einschubfilter sind aus Kunststoff oder Glas und werden in eine Halterung gesteckt, die vorne am Objektiv an einem Adapter befestigt wird. Die Adapter sind in unterschiedlichen Größen für die verschiedenen Objektivdurchmesser erhältlich und werden so wie ein Schraubfilter vorne in der Objektiv geschraubt. Dadurch das die Halterung mit Hilfe des Adapters an jedem Objektiv verwendet werden kann, benötigt man die Filter nur in einer Größe. Ein weiterer Vorteil ist, das man den Horizont in Verlaufsfiltern verschieben kann – so wie man es in der jeweiligen Situation gerade benötigt. Die Nachteile: Diese Filter sind teurer und größer als Schraubfilter.

Praxiserfahrungen und Empfehlung

Ich selbst nutze aufgrund der größeren Flexibilität ein Einschub-Filtersystem von Haida in Kombination mit einem Einschraub-Polfilter (ebenfalls von Haida), der zwischen Adapter und Filterhalter geschraubt werden kann.
Die Filter von Haida haben aus meiner Sicht ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis, sind sehr hochwertig und bringen keinen Farbstich ins Bild. Ich habe außerdem gute Erfahrungen mit Schraubfiltern von Hoya* und B+W* gemacht. Hochwertige Einschub-Filtersysteme gibt es u.a. auch von Rollei*, NiSi* und von Formatt Hitech*.

Ob man sich für Einschub- oder Schraubfilter entscheiden sollte, hängt davon ab was genau man machen möchte und welche Ausrüstung man hat. Wenn man sowieso nur ein Objektiv benutzt (und somit nur einen Filterdurchmesser hat), wäre ein Einschub-Filtersystem eventuell etwas übertrieben – es sei denn man möchte die größere Flexibilität im Einsatz von Verlaufsfiltern haben. Zu beachten ist, das man für die großen Einschubfilter mehr Platz in der Tasche benötigt als für 1-2 Schraubfilter, die zudem keine zusätzliche Halterung benötigen.

Um nervige Farbverfälschungen (häufiger bei günstigen Filtern – aber auch bei einigen teureren Filtern vorhanden) im Bild zu vermeiden, würde ich lieber etwas mehr Geld in die Filter investieren und auf jeden Fall vor dem Kauf im Internet die Bewertungen der Filter lesen.

 

Letzte Aktualisierung am 15.10.2018 / Affiliate Links* / Bild: Amazon

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Autor

Martin

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Spezialisiert auf Landschaftsfotografie, insbesondere in Skandinavien, Benelux, Deutschland. ⓘ Equipment

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